MONOLOGE.

Es ist nicht meine Schuld

Dolev (jüdisch)

Es ist nicht meine Schuld.

 

Es ist nicht meine Schuld, dass man deinem Grossvater das Grundstück genommen hat.

Wenn man mich gefragt hätte, hätte ich gesagt, auf keinen Fall! Aber das war lange, bevor ich geboren wurde und auch wenn ich damals schon gelebt hätte, hätte mich niemand

danach gefragt. Glaubst du, dass mich jemand gefragt hätte? Schau mich an!

Ich bin in mein Leben geboren worden, in ein gemachtes Bett und ich habe keine Macht über

meine Vergangenheit. Ich habe auch nicht viel Macht über die Gegenwart und ich habe kaum Macht über mein Leben. Sie verfügen über fast alle Entscheidungen: Wo ich wohne, haben meine Eltern entschieden. Was ich im TV sehe, ist das, was man mir zeigt und was ich in der Schule lerne, ist das, was das Erziehungsdepartement vorschreibt. Was ich anziehe, ist, was die Models als richtig empfinden und was ich esse, ist, was meine Grossmutter meiner Mutter zu kochen beigebracht hat . Genau wie bei dir!

Ich bin in diese Realität rein geboren worden und ich kenne keine andere. Aber ich liebe dich – nicht weil ich Angst habe oder weil ich keine andere Möglichkeit besitze oder weil du ein Teil meiner Realität bist oder weil ich ein Teil dieser grossen Selbstverständlichkeit bin. Sondern weil ich dich liebe – und auch darüber kann ich nicht walten. Und mich interessieren weder die Historie noch die Medien und auch nicht alle Geschichten drum herum, die ich eh nicht verändern kann.

 

Aber ich muss deinen Schmerz berühren, deine Ohnmacht. Und ich verspreche dir, dass ich dich und deine Sprache kennen lernen werde, so dass ich die Filme, die du anschaust, auch anschauen kann, deine Musik … dass wir gemeinsam tanzen können.

 

Und so kann es sein, dass wir irgendwann gemeinsam Theaterstücke anschauen können, ohne

dass wir eine Übersetzung in eine dritte Sprache brauchen.

Text: Shredy Jabarin